Kunst & Buch
Veröffentlichungen
2016 gab ich meinen ersten Comic raus: Die Graphic Novel „Die Kraft der heil(g)en Familie“ im Verlag „edition promenade“ mit dem Vorwort von Barbara Yelin, die das Buch begleitete.
Die Geschichte ist autobiografisch und handelt von meinem eigenen sexuellen Kindsmissbrauch. Ich halte Vorträge zu meinem eigenen Traumaprozess und gebe Kurse zu autobiografischem Comiczeichnen.
2018 kommt das Buch in die Ausstellung „Deutsche Graphik-Romane“. Therapeut*innen arbeiten damit.
Durch meine Graphic Novel suchen mich Menschen mit traumatisierenden Erfahrungen. Um dem gerecht zu werden, widme ich mich nach der Kunst vor allem der systemischen, körperorientierten Trauma- und Paartherapie.
Zeichnung macht sichtbar.
Ein Blatt ist ein Raum. Linien umspannen ein Format, jede Seite wird zu einem Zimmer, vielen Räumen, einem Haus, zu vielen Etagen, zu einer Erinnerungs-Landschaft.
Eine Figur sitzt an einem Zeichenbrett. Sie zeichnet. Unter ihr ragen spitze Kanten aufwärts, getränkt mit schwarzer Tusche. Ein unbequemer Sitz, schmerzhaft, fragil. Von hinten drohen ebenfalls riesige schwarze Zacken ins Format, vielleicht eine schwarze Hand, vielleicht ein Donner. Doch die Figur zeichnet. Entschlossen. „Wie es sich anfühlt, meine Geschichte zu zeichnen“, steht darüber.
Das Elternhaus. Die Kindheit. Die Mutter, die den Boden wischt. Sie öffnet eine Tür. Das Kind, der Vater. Würgereiz. Die Mutter schließt die Tür wieder. Als gäbe es diesen Raum nicht. Sie wischt den Boden.
Wie es sich anfühlt, diese Geschichte zu lesen? Sie zieht einen nah hinein. Oft näher, als es einem angenehm ist. Sie ist verstörend, schmerzhaft, brutal.
Aber auch immer wieder ist sie zart, humorvoll, spielerisch, lakonisch. Und manchmal zum Brüllen komisch.
Und zu jeder Zeit ist sie umwerfend ehrlich.
Sonja habe ich in einem Workshop für Comics vor ein paar Jahren kennen gelernt. Eine offene Frau, die gut zuhören kann und gern und laut lacht. Sie hatte einige Bilderbögen mitgebracht, die ich lesen durfte. Mich zog die Geschichte sofort in den Bann. Wir unterhielten uns viel darüber. Über die Geschichte selbst, aber auch, wie man in Bildern erzählen kann, welche Texte vonnöten sind, oder darüber, welches Papier für welche Tusche passt. Und immer wieder darüber, was man zeigt und wie.
Ich freute mich, als sie mich auch nach dem Workshop manchmal meinen Rat suchte.
Das war vor knapp zwei Jahren. Der Stapel der getuschten Blätter wuchs stetig. Immer wieder kam ein neuer Aspekt dazu, der noch Eingang finden musste in diese Geschichte.
Manchmal ruhte der Stapel auch.
Sonja sagte dann, dass sich wieder eine Schwere oder ein Schmerz darüber gelegt hatte. Dann blieb die Tusche eine Weile zugeschraubt.
Doch dann, immer wieder, ging es weiter. Und wieder kamen ein paar Bögen dazu.
80 Bögen sind es geworden, die die Geschichte von Christl erzählen. Man kann sie Bildgeschichten oder Comics nennen, oder Bildtafeln, angelehnt an den Stil mittelalterlicher Altar-Tafeln, an Heilige- und Märtyrergeschichten.
Die Geschichte des Mädchens Christl, ihr Aufwachsen innerhalb ihrer Familie, zwischen Tradition, Geschichte und Kirche, wird durch das Bild erzählt und mit persönlichem Strich. Eine persönliche Geschichte, in der im Kern eine der schwierigsten Dinge überhaupt verhandelt wird: Missbrauch in der eigenen Familie.
Die Zeichnungen machen ihre Erinnerung begehbar. In vielen Schwärzen, Schraffuren und Linien verflochten, zwischen diesen kleinen Räumen und Szenen, versteckt, öffnen sich Türen in versteckte Räume. So wird sichtbar und spürbar, was Missbrauch für ein Leben bedeutet, wie er sich in das Alltagsleben verflicht, wie er in die Kammern der Erinnerung gedrückt und zugehalten wird.
Sichtbar wird dabei auch die Kraft, die notwendig war auf dem Weg zu diesem Buch: die unzähligen Schritte eines ganzen Leben, das letztlich aus dem missbrauchten Kind eine offenen, lebensbejahende Persönlichkeit werden ließ, als die ich die Autorin kennen lernen durfte.
Doch dieses Buch ist auch deshalb besonders mutig, weil es an dieser Stelle immer noch nicht stehen bleibt. Sondern weil Christl auch ihren weiteren Weg mit dem Leser teilt: eine Durchleuchtung der Zusammenhänge. Sie öffnet dabei den Fokus auf weit mehr als die eigene Geschichte, bringt Anekdoten und Schrecken der Familie und der Religion ans Licht, die lang vor ihrer eigenen beginnen, in ihrer ganzen singulären wie gleichzeitig exemplarischen Konstellation. Durch eine Landkarte der Erinnerung lässt sie den Leser spazieren, entdecken, lachen, erschrecken, erkennen. Sie bettet das Geschehene in ein größeres Geflecht der verschiedenen Leben und Zeiten. Das öffnet die Augen für Ursachen und Konsequenzen.
Dieses Buch ist wichtig. Weil es offenlegt, weil es erkennt – weil es sichtbar macht.
Als das Buch fertig war, habe ich Sonja einmal zu einem Besuch bei ihrem Verleger begleitet, und anschliessend hat sie mich auf einen Kaffee in ihr Haus eingeladen, weil das auf meinem Heimweg lag. Das Haus, wo sie heute mit ihrem Mann lebt, liegt im Grünen, auf dem Land. Die Berge sind in Sichtweite. Im Garten stehen Obstbäume. Vor der Tür ist Holz gestapelt. Schon beim Reinkommen habe ich mich wohl gefühlt. Es gibt dort viel Licht und viele Zimmer, viele Mitbringsel von Reisen aus der Welt, in einer lebendigen Unordnung. Doch jede Ecke ist mit Bedacht gestaltet, um darin zu wohnen.
Ein Haus, wo man gern lebt.
Wir haben Kaffee getrunken und viel gelacht.
Am Schluss haben wir miteinander Äpfel eingesammelt.
Barbara Yelin – Vorwort zum Buch (2016)
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